Mein Name ist Jochen Sand. Ich arbeite hauptberuflich als Werbefotograf. Vor 25 Jahren ist das mein Plan F gewesen, nachdem Großer Künstler und einige B-Pläne nicht geklappt hatten.

Ein paar Jahre zuvor trieb ich mich mit anderen Schulabbrechern, Kunststudenten, Hausbesetzern und allerlei Überlebenskünstlern herum und hatte bald ein gravierendes Europa-Erlebnis. Ich lernte Elisenda kennen, eine Spanierin aus Barcelona. Wir verliebten uns und waren bald darauf zusammen und bald darauf zusammen immer öfter in Barcelona.

In Spanien lernte ich den unbezahlbaren Wert eines gesunden und achtsamen Familienkerns kennen. Hier erfuhr ich ein Leben jenseits der eigenen Haltlosigkeit einer Kindheit ohne Vater und dürftiger Verwurzelung nach etlichen Umzügen bis zum Alter von 15 Jahren. Das Leben hatte hier mehr zu bieten als Unsicherheit und den Stress, sich immer wieder selbst behaupten zu müssen.

Auch hier lief nicht alles ohne Drama ab. Eigentlich lief ohne Drama nichts. Aber selbst im Streit war Innigkeit. Wir hatten viel davon. Spanier können von Haus aus gut streiten, gerne auch impulsiv. Ich hatte auch Übung darin. Auch von Haus aus. Aber deutscher Streit wird schnell existenziell und ist viel zu subtil und doppelbödig. Deutscher Streit will verbergen und zumachen. Spanischer Streit ist Offenbarung.

Je öfter wir in Spanien gewesen waren, desto tiefer wuchs ich in die Familie von Eli hinein, wurde ein Teil von ihr und erfuhr Wärme und Vertrauen. Die offenherzige Annahme von Elis Familie war die Öffnung in ein Universum der Verbundenheit. Barcelona brachte mich auf eine andere Umlaufbahn meines Lebens. 

Zurück auf der Erde war Ende der Achtziger Jahre unser Hauptwohnsitz Karlsruhe. Eli wollte ihre Mittlere Reife nachholen, ich das Abi. Zu der Zeit gab es den Europäischen Wirtschaftsraum der Ausprägung wie wir ihn heute kennen allenfalls theoretisch. Die Unionsbürgerrichtlinie, die die Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union regelt, kam erst 2004. Bezahlt wurde hier in D-Mark und in Spanien mit Peseten. Für eine Mark bekam man 67 Peseten. An den Grenzen kam es zu stundenlangem Warten wegen Gepäck- oder Ausweiskontrollen.

Der Aufenthalt von Eli in Deutschland war lediglich geduldet. Alle paar Wochen mussten wir diese Duldung auffrischen, die daran gebunden war, dass Eli in der Bundesrepublik kein Geld verdienen durfte und einen Wohnsitz nachzuweisen hatte, der von irgendwem finanziert sein musste. Elis Status in Deutschland ist mehr als vage gewesen.

Aber damals waren wir unbeschwert und zuversichtlich, dass schon alles hinhauen würde mit Europa, haben unsere Abschlüsse mit Sternchen gemacht und uns nicht weiter für Europapolitik interessiert. Die Sommer kamen, wir kamen zum Strand, und bald kam der Euro. Alles schien möglich. Auch die Rente war ja sicher! Wir wähnten uns auf der richtigen Seite der Geschichte, die Europäische Union bekam allmählich deutliche Konturen.

Heute lebt Eli mit ihrer eigenen Familie im deutschen Norden, ich im Süden. Wir sehen uns gelegentlich und streiten dann auch wieder. Kürzlich haben wir via Messenger viel Text über die Zukunft von Europa vor dem Hintergrund der Ereignisse in Katalonien hin und hergeschrieben. Wieder eine Offenbarung. Viele Aspekte die Eli beschreibt, kann ich nachvollziehen. Einige Schlussfolgerungen sind impulsiv.

Sie berühren mich. Wie früher.