Die Ästhetik des Widerstandes oder: Wenn Krawallschwalben fliegen

 

“Du schwitzt ja wie ein Schwein, Bulle!”, plärrt ein mittdreißiger Demonstrant in kurzen Hosen den Beamten an, der in voller Montur und Helm einen halben Meter vor ihm steht. Der bleibt ungerührt und hat die lauter werdende Menge im Visier. In der untergehenden Abendsonne Hamburgs stehen auf dem lauschigen Hein-Köllisch-Platz, im Schatten der Kirschbäume etwa 100 Personen, die jetzt auch mitbekommen haben, dass hier ungestraft Polizisten angebrüllt werden können.

Der Platz ist 300 Meter Luftlinie von den Landungsbrücken und der Hafenstraße entfernt, wo einige Minuten zuvor eine Demonstration außer Kontrolle geraten war. Dabei kamen Wasserwerfer zum Einsatz und Pfefferspray. Einige Radikale flohen vor dem Polizeieinsatz über Treppen und durch enge Gassen auch über den Hein-Köllisch-Platz. Um zu verhindern, dass diese Leute zurücksickern in die Zone um die Hafenstraße, waren hier kleine Einheiten der Polizei an den Zugängen des Platzes abgestellt.

 

“Lieber tanz` ich als G20”

Es ist Freitag, der 07. Juli. Die aus dem Ruder gelaufene Demonstration war ein Ausläufer einer anderen, friedlichen Demonstration, die auf der Reeperbahn begann. Dort demonstrierte die “Jugend gegen G20” ihren “Bildungsstreik”. “Lieber tanz` ich als G20” war auf Pappschilder gekritzelt und man tanzte zu Rhythmen, die der Rosa Block getrommelt hat. Andere Gruppen skandierten gegen die kapitalistische Allmacht der Konzerne “Wir werden Eure Krise sein”. GAY20 waren da, die Sonne schien, es wurde viel gelacht, alles verlief heiter und bunt. Wenn man nicht an die Ränder der Demonstrationszüge ging, wusste man nicht, dass auch hier Polizei war.

Offenbar steuerungslos glitten dann lose Gruppen in den angrenzenden Zirkusweg und absorbierten andere Teilnehmer des Zuges in Richtung Landungsbrücken. Aus dieser Kolonne löste sich wieder ein Arm, der am Elbpark entlang ebenfalls in Richtung Hafen floss. Die Form wie sich Fraktionen aus einer scheinbar hermetischen Gruppe herauslösen, reorganisieren und an anderer Stelle wieder zusammenfließen, hat etwas hochästhetisches.

Man muss sich einen sehr, sehr großen, bunten Ball vorstellen, der am Millerntorplatz zu pulsierender Musik rhythmisch tanzt und hüpft und sich dreht und aus dem dann viele einzelne Farbfragmente herauswirbeln, sich neu mischen oder abstoßen und an anderer Stelle mit anderen Tönen eine neue Couleur in die Straßen malen……bis zu der schwarzen Wand, Block.

Hier fliegen Steine, Flaschen und Böller. Zurück kommen Pfeffer und Tränengas. Wasserwerfer lösen das Bunte auf und spülen es die Gullies hinunter. Menschen rennen, stolpern, fallen hin. Viele flüchten in Richtung Hein-Köllisch-Platz. Auf dem Weg dorthin brennen die Augen, das Pfeffer weht noch in der Luft. Die Stimmung ist jetzt gereizt. Einem Demonstranten überschlägt die Stimme als er laut schreiend dazu aufruft, einen anderen zu lynchen weil dieser einen bei der Polizei verpfiffen hätte!

 

Aus der kritischen Masse droht ein Mob zu werden

Weiter oben, auf dem Platz, werden schwitzende Polizisten angebrüllt. Ein Mann mit offensichtlich türkischen Wurzeln fordert die Beamten lauthals auf, sie sollen sich doch um Erdogan kümmern, von dem gehe viel mehr Gefahr aus als von ihm. Das Geschreie zieht mehr und mehr Menschen an. Die anfängliche Menschentraube schwillt langsam an zu einer kritischen Masse. Immer mehr Personen aus dem Hintergrund trauen sich jetzt nach vorn, wollen auch mal einen Polizisten anschreien. Die Stimmung wird aggressiver. Plötzlich fällt einer hin. Er fällt einfach, ohne von irgendwem berührt worden zu sein. Schon garnicht von einem Polizisten. Aber so soll es aussehen. Eine Krawallschwalbe! Die anderen begreifen die Fiesigkeit aber nicht, die Stimmung kippt jetzt ganz und aus der kritischen Masse droht ein Mob zu werden. Die zehn Mann starke Einheit der Polizei zieht sich unter dem Geklatsche der Umstehenden zurück.

Als ich später an diesem Freitag am Schulterblatt ankomme werde ich von einem Riegel schwer bewaffneter Beamter am Durchgehen gehindert. Mit dem Hinweis, dass weiter hinten ein Polizeieinsatz läuft und die Gefahrenlage zu groß sei, werden alle hier ankommenden Passanten aufgefordert, andere Wege zu gehen. Das leuchtet dem Rentner neben mir nicht ein. Er möchte mit seiner Frau gerne durch, weiter hinten sei sein Stammlokal. “Nein!”, erwidert ein Polizist. Sein Gegnüber läuft jetzt eloquent zu freiheitlich demokratischer Hochform auf und zitiert die verfassungsrechtlich garantierten Grundrechte, die er durch die Blockade beschnitten sieht. Ich frage mich, wen er wohl anrufen würde wenn er auf der anderen Seite der Absperrung auf die Mütze kriegen würde.

Gut möglich, dass der Rentner den Ausfall des abendlichen Schoppens in der Kneipe zum Fernsehen genutzt hat. Vielleicht konnte ihm Frau Slomka dann erklären, dass manche Blockaden Schmerzen verhindern helfen.

Auf meinem Rückweg zum Fahrrad habe ich das Bedürfnis, einigen Polizisten zu sagen, dass ich sie nicht um ihren Job beneide und dass nicht ganz Hamburg gegen sie ist. Vorübergehend scheint das in dem einen oder anderen die Spannung etwas zu lösen.

12. Juli 2017, 19:33 Uhr
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